Bundeswehrgeschichten

Vor 20 Jahren wurde ich zum Grundwehrdienst bei der Bundeswehr beim FüUstRgt 20, einem Fernmelderegiment in Hannover-Bothfeld, einberufen und nehme dies zum Anlass, hier mal ein paar Geschichten meiner Bundeswehrzeit zum Besten zu geben. Üblicherweise ist es so, dass im Nachhinein viele schöne Erinnerung an die Zeit bleiben. Selbst den Momenten, bei denen man damals geflucht hat, gewinnt man die eine oder andere lustige Seite abgewinnen.

Fangen wir doch gleich mal mit meinem Gruppenführer in der Grundausbildung an. Dieser war während der ersten Tage noch im Urlaub und wir haben von allen Seiten zu hören bekommen, er sei ein richtig harter Hund. Als Ersatz diente sein Hilfsausbilder, der gerade mal drei Monate länger dort war und den gleichen Dienstgrad hatte wie wir. Damals wurde man erst nach sechs Monaten Gefreiter. Unser Vorgesetzter war er nur aufgrund seiner Funktion. Auch er versuchte, den harten Kerl heraushängen lassen zu müssen. Wir, damals waren wir ja alle jung, unerfahren und leicht einzuschüchtern, haben natürlich alles brav mitgemacht, was uns befohlen wurde. Unseren Respekt hat er sich aber leider nie verdient und so verbrachte er während der Fußballspiele nach Dienstschluss, bei denen er mitgemacht hat, recht viel Zeit am Boden, da einiger der Kameraden doch durch ein etwas körperbetontes Spiel auffielen.

Zurück zu den eigentlichen Gruppenführern. Diese haben sich am Anfang vorgestellt. Üblicherweise lief das so ab: „Mein Namen ist Soundso, ich bin 24 Jahre alt, habe zwei Kinder und meine Hobbys sind …“. So weit so gut. Nachdem unser Gruppenführer dann aus dem Urlaub wiederkam hat auch dieser sich vorgestellt: „Ich bin der Stabsunteroffizier Z. Mein Alter tut nichts zur Sache. Ich will Berufssoldat werden. Da kennen Sie ja meine Einstellung.“ Schluck! Was haben wir denn da für einen abbekommen.

Mein lieber Gruppenführer Z. ließ während der ganzen Dienstzeit tatsächlich immer den harten Hund raushängen und wir, seine Gruppe, haben uns wurden durch ihn für alle möglichen Aufgaben freiwillig gemeldet. Aufbauen auf der Schießbahn? „Meine Gruppe macht das, Gruppe 5.“ Vorbereitung für die 72-Stunden-Übung? „Hier, Gruppe 4!“ Mit der Zahlenbezeichnung für seine Gruppe hatte er es leider nicht so.

Nun, es sollte aber noch recht lustig mit ihm werden. Wenn auch aus seiner Sicht etwas unfreiwillig.

UvD und Wache

Uns ist recht schnell aufgefallen, dass er regelmäßig am Wochenende entweder UvD (Unteroffizier vom Dienst) oder Wache hatte. Wahrscheinlich wollte er damit Eindruck schinden, dass er so viele, bei anderen ungeliebte Dienste übernahm. Dummerweise erwischte es bei den UvD-Diensten immer auch einen von uns, der als GvD (Gefreiter vom Dienst) fungierte. Als erstes war ich dran. Na toll, das Wochenende war dahin. 24 Stunden eingesperrt mit meinem Gruppenführer in einem ansonsten menschenleeren Block. Ab und zu mal ein Kontrollrundgang, das war’s. Zum Glück saß er nicht die ganze Zeit im UvD-Büro, sondern verzog sich häufiger mal.

So kam es auch, dass er den Anruf seiner Frau verpasste, den ich entgegennahm. „Hier ist Frau Z. Geben Sie mir mal meinen Mann“. „Der ist gerade auf einem Kontrollrundgang.“ „Soll mich zurückrufen.“ Genau wie er formulierte auch sie nur kurze Sätze. Das schien in der Familie zu liegen.

Natürlich hat er sie gleich zurück gerufen, als ich ihm davon erzählte. Ich weiß zwar nicht, worüber sie gesprochen haben, aber von ihm hörte ich nur: „Ja, Schatzi. Natürlich Schatzi. Ich Dich auch, Schatzi“. Meine Güte, der schien ja zu Hause richtig unter dem Pantoffel zu stehen. Kein Wunder, dass der die Wochenenden lieber in der Kaserne verbrachte.

Natürlich wollten meine Kameraden wissen, wie es war, mit ihm am Wochenende Dienst zu schieben. Ich konnte leider nicht verhindern, ihnen auch von dem Anruf zu berichten, was allgemeines Gelächter hervorrief.

Bereithalten für weitere Befehle

Eine andere Geschichte handelte von den Vorbereitungen auf die 72-Stunden-Übung. Dafür musste natürlich jede Menge Ausrüstung auf einen LKW geladen werden. Und welche Gruppe eignete sich dafür besonders? Unser Zugführer musste eigentlich gar nicht danach fragen. Er wusste schon, wer sich dafür freiwillig melden würde.

Nachdem alles verstaut war, haben wir von unserem Gruppenführer den Befehl bekommen, uns auf dem Gang unseres Blocks für weitere Befehle zur Verfügung zu halten, während er mit einem Kameraden noch Wasserkanister befüllen fuhr. Das war so gegen 11 Uhr. Alle anderen Gruppen durften den ganzen Tag im Hörsaal Waffen reinigen. Gelegentlich gab es dort eine Pause und sie gesellten sich zu uns. Auch unser Zugführer setzte sich zu uns und unterhielt sich mit uns völlig ungezwungen. Er fragte natürlich, was wir dort machten und wir gaben ihm bereitwillig Auskunft.

Nach dem Mittagessen setzten wir uns wieder auf den Gang, warteten weiter auf weitere Befehle und quatschten mit den anderen während der Pausen. Irgendwann kurz vor Dienstschluss, unser Zugführer saß gerade bei uns auf einer Treppe, die man vom Gang aus nicht einsehen konnte, lief unser Gruppenführer über den Gang und ich fragte ihn, ob wir uns weiterhin zur Verfügung halten sollten. Er war etwas erschrocken, gab zu, dass er uns vergessen hatte und machte uns dann lauthals den Vorwurf, dass wir uns doch bei ihm hätten melden müssen. Das ging natürlich schlecht, haben wir ihn doch seit 11 Uhr erst dort wieder gesehen. Als er hoch fuhr, ertönte vom Treppenabsatz die etwas lautere Stimme unseres Zugführers: „Stabsunteroffizier Z., zu mir.“ „Jawohl Herr Hauptfeldwebel, Stabsunteroffizier Z. meldet sich wie befohlen“. Danach gingen sie in das Büro des Zugführers, der sich ein Grinsen nicht verkneifen konnte.

Das verlorene Schiffchen

In der Kompanie gab es damals die Regelung, dass man einen Tag Sonderurlaub bekam, wenn man in seinem Fahrtennachweisheft 2.000 Kilometer zusammen hatte. Das war aufgrund der kurzen Wege zum und auf dem Standortübungsplatz natürlich nicht leicht. Und so kam es, dass unser Gruppenführer während eines Orientierungsmarsches mit Stationen, bei dem er eine Station zum Zerlegen und Zusammensetzen des Gewehrs G3 diese Station seinem Hilfsausbilder überlassen hat und er selber lieber mit dem LKW durch den Wald gebürstet ist, um Kilometer zu sammeln. Sein natürlich vorschriftsmäßig gepackter Rucksack lehnte derweil in Stationsnähe an einem Baum … und war später verschwunden.

Die dafür fällige Schadens- und Verlustmeldung in zigfacher Ausfertigung wollte er natürlich nicht schreiben. Der Kompaniechef überzeugte ihn aber eines Besseren. Soviel zur Vorgeschichte.

Während eines Schießbahnaufenthalts hatte es sehr stark geregnet. Glücklicherweise gab es dort so etwas wie ein Café. Nun ja, es war ein Dach über dem Kopf und man konnte Kaffee und Tee bestellen. Alle die, die nicht gerade geschossen haben oder dafür anstanden, waren also in diesem Café. Einer der Kameraden schrieb auch gerade eine Schadens- und Verlustmeldung. Da kam unser Gruppenführer herein, sah dies und meinte: „Na, wohl ein Schiffchen verloren, was?“. Irgendwo aus dem Raum ertönte dann eine Stimme: „Manche schreiben für ein Schiffchen, andere für eine komplette Ausrüstung.“ Ruckzuck fuhr er wieder hoch und brüllte: „WER WAR DAS? MELDEN SIE SICH SOFORT BEI MIR!“ Natürlich meldete sich niemand.

Stattdessen ertönte die Stimme die Stimme der Wirtin. Man stelle sich das so vor, dass sich die Sonne verdunkelte und die Erde leicht anfing zu beben. Das war ein gewaltiges Tier von Frau, dass sich dort vor unserem Gruppenführer auftürmte. „WAS GLAUBST DU WER DU BIST? HIER IST NUR EINE LAUT! […] MEIN MANN WAR OBERSTABSFELDWEBEL, DER HÄTTE SO EINEN WIE DICH IN DER PFEIFFE GERAUCHT! […]“. Leider habe ich viel von dem, was sie gesagt hat, vergessen. Aber das Wichtigste ist hängen geblieben. Unser Gruppenführer war mit seinen vielleicht 1,75 Meter eh schon nicht so groß, aber da wirkte er noch kleiner.

Unser Kompaniechef war während der ganzen Gegebenheit übrigens ebenfalls zugegen und hatte deutlich Mühe, nicht lauthals loszulachen und ist danach wohlweislich vor die Tür gegangen.

Starke Argumentation

Bei der Bundeswehr gibt es viele Leute, die nichts hinterfragen und sich auch ansonsten recht wenig Gedanken machen. Da kann man schon mal verzweifeln, wenn man ein paar Fragen gestellt bekommt, auf die es letztendlich nur eine Antwort gibt.

1994 ist mir als sehr warmer Sommer in Erinnerung geblieben. Trotzdem mussten wir jedesmal diesen fetten Wollpullover mit in den Rucksack stopfen und mitschleppen. Da fragt man sich natürlich warum das so ist. „Sie werden froh sein, wenn Sie den dabei haben, wenn Sie sich während eines Gefechts nach Sibirien durchschlagen.“ Mal abgesehen davon, dass Russland nicht mehr der Feind war (das war zu Übzwecken immer Rotland) gab es einen kleinen Schwachpunkt in der Antwort. „Wie sollen wir denn da hinkommen, wo wir doch eine Verteidigungsarmee sind?“ Damals war noch nicht daran zu denken, dass die Bundeswehr die Sicherheit Deutschlands auch mal am Hindukusch verteidigen würde.

Während der Ausbildung hatten wir gelegentlich die leichte Panzerfaust dabei. Außer Schleppen und Reinigen haben wir damit aber eigentlich nichts gemacht. Auf die Frage, ob wir denn damit auch mal schießen würden, gab es die Antwort: „Nein! Ich glaube, dafür gibt’s in der gesamten Bundeswehr keine Munition mehr.“ Die Frage, warum sie dann Bestandteil unserer Ausbildung sei wurde genau wie die Frage mit der Verteidigungsarmee beantwortet.

„Äh … weil das so in der Vorschrift steht.“ – sehr überzeugend.

Ein paar Jahre später, ich war mittlerweile Zeitsoldat und selbst Stabsunteroffizier, habe ich unseren alten Kompanietruppführer aus der Ausbildungskompanie wieder getroffen und ihn nach meinem alten Gruppenführer gefragt. Er ist nie Berufssoldat geworden.

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